Der nachfolgende kurze Text entstand ursprünglich als Email an die Exit-Redaktion mit dem Zweck, eine Diskussion zur Neuformulierung des Subjektbegriffs anzustoßen. Er bleibt dementsprechend sehr kursorisch, da noch unklar war (und ist), in welche Richtung sich nicht bloß eine mögliche Diskussion, sondern auch die fortschreitende Theoriebildung fruchtbar weiterentwickeln könnte. Neben der Ermunterung, der aufgespürten Fährte in einer längeren Ausarbeitung weiter zu folgen, erhielt ich als Antwort auch die freundliche Einladung zur Veröffentlichung auf dieser Homepage, welche ich gerne annahm. Obgleich ich nicht umhin kam, einige Korrekturen vorzunehmen, bleibt dieser Text somit ein genuines Diskussionspapier, an dem es sich meines Erachtens aber bereits abzeichnet, dass einige Punkte erneut überdacht werden müssen; insbesondere der Begriff der Form bleibt hier noch zu verdinglicht und die Frage nach dem Verhältnis von realmetaphysischer Freiheit und psychischem Unterbau ebenso ungeklärt, was ich jedoch in einem baldigen längeren paper hierzu aufgreifen möchte.
Markus Winterfeld
In den bisherigen wert-abspaltungskritischen Publikationen verbleibt das Verhältnis von Aufklärung und Gegenaufklärung meines Erachtens äußerst sperrig, oftmals unter der Formel von der Gegenaufklärung als „dunkler Kehrseite“ der Aufklärung verpackt, wobei beide bloß zwei Seiten „derselben Medaille“ sein sollen. Ich denke, dass dieses Verhältnis eine kritische Neubetrachtung unbedingt benötigt, auch was den – damit aufs Engste zusammenhängenden – Begriff der Ideologien angeht, der ebenfalls, soweit ich das sehe, recht unterbelichtet blieb, obgleich es einige recht fruchtbare Ansätze dazu gibt, die aber noch nicht begrifflich ausgebaut wurden.
Auszugehen ist dabei von der Aufklärung selbst, welche meines Erachtens als der Prozess begriffen werden muss, der die moderne Denkform der Identitätslogik wie auch die Subjektform erst hervorbringt, damit aber objektiv an das Werden des modernen warenproduzierenden Patriarchats geknüpft ist. Dies zeichnet somit auch das Wesen der Aufklärung aus, nämlich dass sie eine innere Notwendigkeit besitzt; sie folgt einer immanenten, sich zuspitzenden Dynamik der bedingungslosen „Entzauberung der Welt“, welche in ihrer Geschichte jeglichen Inhalt als „Aberglaube“ abschaffte, bis tatsächlich nur noch sie, als Negation jedes Inhalts, also als die „leere Form“ (Robert Kurz) zurückbleibt. Diese selbst subjektlose Bewegung der Aufklärung vollzieht sich natürlich „durch“ das Schreiben, Denken und Handeln verschiedenster Menschen, bleibt aber an sich subjektlos. Neben dieser objektiven Gedankenbewegung treten Ideologien – allen voran der Antisemitismus als „Basisideologie der Moderne“ (Martin Dornis) – auf; Gedankengebilde, die von dieser Aufklärung abweichen, jedoch wenigstens historisch erst in der Moderne in dieser Form (als Ideologien) auftreten und über deren Ursachen, Wesen und Entstehung in den letzten etwa hundertfünfzig Jahren bereits einiges geschrieben wurde.
Meine prinzipielle These ist, dass die Ideologie eine nicht ableitbare negative „Eigenkreativität“ des einzelnen Subjekts darstellt, in welcher es die sich ihm ergebenden gesellschaftlichen Widersprüche auf nachdrücklich individuelle Weise verarbeitet und welche dadurch im krassen Gegensatz zur Aufklärung steht. Was den Ideologien fehlt, ist dabei genau jene objektive Notwendigkeit, durch welche die Aufklärung unablässig vorangetrieben wurde. Nichtsdestotrotz ist es aber das moderne, individuelle Subjekt selbst, welches sie sich im wahrsten Sinne des Wortes „ausdenkt“; dieses jedoch ist das Resultat des gesellschaftlichen Prozesses der Aufklärung selbst, setzt ihn also notwendig wiederum voraus. Das heißt, dass diese Ideologien zum einen durch und durch von der Subjektform durchzogen werden, zum anderen aber aus dieser nicht einfach folgen. Vielmehr weisen sie gebrochen und vermittelt quasi die "Spuren" der modernen aufklärerischen Subjektform auf, was sich dann z. B. im von der Aufklärung übernommenen negativen Bezug zur Sinnlichkeit und zum eigenen Körper äußert. Es wären die Ideologien damit unbedingt als tatsächliche „Kopfprodukte“ der individuellen Subjekte zu fassen, in denen sie sich wirklich frei äußern; wie ihre Freiheit aber in der Subjektform allein liegt, durchzieht diese die Ideologien, eben als Form, vielleicht auch als „Thema“ im musikalischen Sinne, und sämtliche Momente der Form und der Aufklärung tauchen auf verquere, individuell verarbeitete, wie durch ein Kaleidoskop betrachtete Art wieder auf. Ihr jeweiliges konkretes Aussehen – dies obliegt komplett dem individuellen Anteil an ihrer Genese – lässt sich höchstens historisch-konkret annähernd begreifbar machen; aber als derartige freie Kopfprodukte in dieser unaufgehobenen Subjektform bleiben sie eben Kreativität in dieser Form und somit wesentlich unfrei. (Ich sehe hier explizite Anknüpfungspunkte an Roswitha Scholz' erste These in „Die Rückkehr des Jorge“, implizit noch weitere; dann aber an Robert Kurz' „Die Revolution der Nettigkeit“ bezüglich des dortigen theoretischen Begriffs des Verhältnisses von Allgemeinem und Individuellem in der Wertabspaltungsvergesellschaftung sowie an Gerold Wallners Aufsatz „Das Subjekt – Thesen zum fetischistischen gesellschaftlichen Handeln“.)
Dies bedeutet, dass die Gegenüberstellung von Aufklärung und Gegenaufklärung derartig gefasst werden muss, dass allein erstere ein festes Programm, einen „roten Faden“, aufweist, während die Gegenaufklärung vielmehr ein weites Feld von Produkten individueller „Kreativität“ (der Ausdruck passt wohl nicht zufällig einfach am besten) darstellt, die nicht a priori begrifflich deduziert werden können. Es ist also von der Gegenaufklärung nicht als der „Kehrseite der Medaille“ bezüglich der Aufklärung zu sprechen, da diese Sprechweise eben die Ableitbarkeit oder Notwendigkeit der Gegenaufklärung als einer festen „Denkschule“ zumindest suggeriert. Der Begriff der Gegenaufklärung kann dagegen kein fester sein, sondern nur das Allgemeine der verschiedensten individuellen „Erfindungen“, also Ideologieproduktionen, zum Inhalt haben.
Dies genügt aber noch nicht zur vollständigen Bestimmung der Ideologien. Wie Martin Dornis in seinem Text „Von der Harmoniesucht zum Vernichtungswahn“ (Exit! Heft 3) deutlich gemacht hat, bedarf es einer psychischen „Fundierung“ der Ideologien, die er, wenn ich ihn recht verstehe, als psychische „Prädisposition“ des Subjekts gefasst hat. An diesen fruchtbaren Begriff wäre meines Erachtens unbedingt anzuknüpfen, als dass das moderne Subjekt auf Grund der Selbstzurichtung stets von sich selbst abspaltet und daher einen Hass auf all das gewinnt, in welchem es diese Zurichtung nicht zu sehen glaubt, was dann meines Erachtens genau als der Begriff der „Prädisposition“ oder „Idiosynkrasie“ gesehen werden muss, deren das moderne Subjekt verschiedene besitzt: so etwa die gegen das dem eigenen, vermeintlich konkreten „Leben“ gegenüber negativ-abstrakte, überhaupt gegen die Möglichkeit der Bedürfnisbefriedigung ohne Arbeit/Zurichtung, dann der Hass auf die Möglichkeit einer anderen Kultur überhaupt, sowie gegen das Abgespaltene selbst. Diese erstmal rein für sich seienden Prädispositionen sind der Subjektform immanent; was dem einzelnen Subjekt zukommt, ist ihr Ausbau zu manifesten Ideologien, in welchen dieses die Welt auf Grundlage seines eigenen emotionalen Gefühlshaushaltes sich selbst erklärt. Das heißt, Antisemitismus als moderne Ideologie kann dann als Anknüpfung der psychischen Prädisposition an jene ihr vorhergehenden, historisch bedingten Bilder von den JüdInnen begriffen werden, womit die Opferrolle derselben eben nur historisch erklärbar ist. Die Prädisposition, das Subjekt, findet sich quasi in diesen Bildern wieder, baut sie aus und bringt sie unablässig selbst hervor. Sobald diese Besetzung nämlich einmal vonstatten ging, macht das Subjekt in der Wahrnehmung seine Objekte dem Bild, das es von ihnen schon hatte, gleich. Es wäre also auch von einer prinzipiellen sexistischen Prädisposition, jenem „androzentrischen Unbewussten“ auszugehen, während der Ausbau zur Ideologie, also z. B. als pseudo-naturwissenschaftliche „Erklärung“ des „Geschlechterunterschieds“, dann dem einzelnen Subjekt zufällt – was natürlich nicht heißt, dass es bereits zirkulierende und gesellschaftlich wirkmächtige Erklärungsmuster nicht einfach übernehmen kann.
Um den Zusammenhang etwas zu verdeutlichen, möchte ich den Gegensatz, in dem diese Nichtableitbarkeit der Ideologien zur Behandlung derselben in Robert Kurz’ Text „Blutige Vernunft“ steht, aufzeigen. Ich denke, dass Robert Kurz dort als Ideologie nicht die handfesten geistigen Ausgeburten des Subjekts betrachtet, sondern allein den Subjektivismus selbst als Ideologie fasst. Der Subjektivismus ist jedoch lediglich ein Pol innerhalb des noch ganz aufklärungsimmanenten Gegensatzes von Subjektivismus und Objektivismus (wie er selbst eigentlich dort auch sagt). Dass Robert Kurz dann zu dem Schluss kommt, dass die Ideologien (wohlgemerkt: wie er sie versteht, also der Subjektivismus) die „logische immanente Konsequenz“ der Aufklärung wären, ist damit bloße Tautologie; denn das freie Subjekt ist selbst von der Aufklärung tatsächlich hervorgebracht, ja, ihr eigentlicher Inhalt. Ich würde dagegen den Subjektivismus oder die real vorhandene subjektive Freiheit als Voraussetzung für die Ideologiebildung betrachten, das heißt, hier ist erstmal bloß die „Lücke“ in der Subjektkonstitution, die die noch absolut innerhalb dieser Form verbleibende Individualität ausmacht; das wirklich Nichtaufgehende, sich also der Form Verweigernde im Individuum ist darüber hinaus erst zu suchen. Dieser Subjektivismus wird dann durch die psychischen „Energien“ der Prädisposition, das heißt der Widersprüche des Subjekts selbst, gefüllt; beides zusammen erst erklärt die Ideologiebildung, und erst der Wertabspaltungskritik kann sie verständlich werden.
Gerade der Versuch, die Ideologien dann abzuleiten, charakterisiert meines Erachtens noch jenen Text von Robert Kurz, der somit selbst eine „Transitstelle“ ausmacht, wie er dies von Adorno behauptet. Dies wird eben dadurch deutlich, dass er versucht, Aufklärung und Gegenaufklärung gewaltsam zusammenzubringen. Ich würde stattdessen dafür plädieren, den „gemeinsamen Nenner“ beider ganz genau im Subjekt und seiner tatsächlichen Freiheit zu verorten; die Bruchlinie wäre dann dort, wo das Subjekt bewusst vom Weg der Aufklärung abweicht und sich selbst ein Weltbild zusammenschustert. Diesen Prozess kann man meines Erachtens derartig beschreiben, dass das Subjekt die absolute Leerheit der Form, welche das tautologische Ziel der Aufklärung und ihrer Vernunft darstellt, nicht aushält und stattdessen danach strebt, diese Form zu füllen, dies jedoch auf Grund der nach wie vor vorhandenen Subjekt-Objekt-Trennung nur aus sich selbst heraus vermag; anstatt also abstrakten und selbstzweckhaften Zielen zu folgen, sucht es sich scheinbar konkrete, die aber, da sie aus ihm selbst nur entspringen, diese Selbstzweckhaftigkeit – den eigentlichen Abstoßungspunkt karikierend – auf die Spitze bloß treiben. Darin liegt dann auch erst die Irrationalität, nämlich in der Behauptung von etwas, was es objektiv tatsächlich nicht gibt, der Verfolgung von Zielen, die die bereits von der Aufklärung ausgesprochene Sinnlosigkeit wieder neu anreichern und auffüllen. Man könnte es etwas unhandlich auch so ausdrücken, dass die Aufklärung das den Subjekten Fremde (die Zumutung der Zurichtung auf die Form) zu ihrem Eigenen machen will, während die Gegenaufklärung genau dieses Eigene (die vorhandene Formzurichtung) zu einem Fremden, also einem angeblich außer dem Subjekt Stehenden verarbeitet, also eben aus sich selbst projiziert. Die Aufklärung dagegen zeichnet sich meines Erachtens dadurch aus, dass sie stets eines äußeren Gegenstandes unbedingt bedarf, den sie ihrer (leeren) Form unterwirft, also auflöst; die Gegenaufklärung erst ersetzt diesen Vorgang, in dem das Objekt quasi als „Gebrauchswert“ der Reproduktion der Denkform auftritt, dann ganz durch die Projektion.
Diese Neuinterpretation des Verhältnisses von Aufklärung und Gegenaufklärung hätte dann auch weitreichende Konsequenzen, insofern es unzulässig wäre, der Aufklärung die Resultate der Gegenaufklärung anzulasten, also den American Way of Life mit Deutscher Ideologie zusammenzubringen oder den Westen mit dem islamistischen Terror. Beide stehen sich tatsächlich unversöhnlich gegenüber, weisen nichtsdestotrotz eben jene connection über die moderne Subjektform auf. Gerade die Aufklärung, also die leere, tautologische Form, befindet sich in unversöhnlicher Frontstellung gegen die Ideologien, bleibt an ihnen aber deshalb stumpf, weil es sich nicht um „natürliche“, ihr apriorische Inhalte handelt, die beseitigt werden müssen, sondern um aus dieser Form selbst geborene Inhalte.
Damit wäre auch die Frage nach individueller Schuld klar beantwortet, dass nämlich zur Gegenaufklärung ein subjektiver Übergang tatsächlich erfolgt. Ferner wären die manifesten Ideologien als nicht ableitbar, also nicht theoretisch-begrifflich als in ihrer vorhandenen Gestalt notwendige, jedoch nichtsdestotrotz durch und durch begreifbare zu betrachten. Überhaupt wäre bezüglich des Nationalsozialismus damit die vorhergehende Periode der subjektivistischen Entkoppelung in den Vordergrund zu stellen, der autoritär-faschistische Zug somit erst aus dieser zu erklären, eben als Selbstaufgabe und Projektion durch das Subjekt. Schließlich wäre die These Robert Kurz' im Vorwort der „Blutigen Vernunft“, dass sich eine um die Abspaltungskritik verkürzte Wertkritik ihre Motive nur bei der Gegenaufklärung holen könne, damit tatsächlich bewiesen; denn ohne Reflexion auf die Abspaltung, also die hinter der negativen Eigenkreativität steckenden Energie, bleibt die Kritik an der Aufklärung eben in der Gegenüberstellung des scheinbar Konkreten und Individuellen gegen das „abstrakte“, also eben der gegenaufklärerischen Füllung der Formen hängen.
Es gibt darüber hinaus einige weitere Fragestellungen, die sich aufwerfen, z. B., inwieweit die Aufklärung selbst dann noch als Ideologie betrachtet werden kann; ich denke gar nicht, da sämtliche Ideologien, deren sich die Aufklärung in ihrer Aufstiegsphase notwendig bemächtigten musste (z. B. die Behauptung der Suche nach einem „naturgemäßen“ Leben, nach Wahrheit, dem Gemeinwohl, usw. usf.) schließlich der Aufklärung selbst zum Opfer gefallen sind; dann auch, an welche spezifischen Prädispositionen sich die diversen Ideologien knüpfen, wollte man diesen Erklärungsansatz verfolgen.